Riesling

Riesling

Der Riesling ist die bedeutendste Rebsorte im deutschen Weinbau, und darüber hinaus zählt man ihn zu Recht zu den größten Weißweinsorten überhaupt. Keine andere weiße Sorte ist in der Lage, so viele verschiedene Weinstile hervorzubringen und dabei doch immer ihre Sortencharakteristik zu bewahren, wie der Riesling. Dabei kann er - in vernünftigen Grenzen - weit höhere Hektarerträge hervorbringen als die meisten anderen Rebsorten, ohne an Qualität merklich einzubüßen. Bereits seit langer Zeit ist der Riesling auch international hoch geschätzt. Vor gut 100 Jahren erzielten die edelsten Rieslingweine Verkaufspreise wie die Topweine aus Bordeaux, und am russischen Zarenhof in Sankt Petersburg zog man Riesling von der Mosel den Bordeauxweinen sogar vor.

Damals war der Jugendstilort Traben- Trarbach an der Mosel ein genauso bedeutendes Weinhandelszentrum wie

Bordeaux. Jugendstilbauten wie das Romantik Hotel Bellevue zeugen noch heute vom Glanz dieser Zeit. Das Geheimnis des gelungenen Rieslingweines ist sein unnachahmliches Zusammenspiel von Süße und Säure, gepaart - je nach Herkunft - mit vornehm filigraner Struktur oder kraftvoller Würze. Selbst die süßesten Rieslingweine verfügen über ein kräftiges Säuregerüst, das ihnen eine große Alterungsfähigkeit verleiht. Dabei sind gute Rieslingweine niemals übermäßig alkoholisch oder gar schwer, im Gegenteil brillieren sie gemeinhin mit Frische, Duft, einzigartigen Aromen und einer geschliffenen Kontur.

Edelsüße Rieslingweine wie Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen sind nahezu unbegrenzt haltbar und gehören zum Köstlichsten, was man aus Weintrauben überhaupt erzeugen kann. Man erkennt den Riesling an seinem fünflappigen, mittelgroßen, stumpf gezahnten und meist blasig wirkenden Blatt. Die Trauben sind mittelgroß, die Beeren wachsen dicht beieinander und sind im reifen Zustand goldgelb und mit grünlichen "Adern" durchzogen. Das Holz der Rebe ist relativ dunkel und hat kräftige Strukturen. Die Sorte ist nicht - wie der Elbling - von den Römern nach Deutschland gebracht, sondern vermutlich zur Zeit der Römer vor 2000 Jahren von den Germanen aus einer am Oberrhein verbreiteten Wildrebe domestiziert worden.

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Erste schriftliche Belege über die Kultivierung des Rieslings stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Auf die längste nachweisbare Rieslingtradition blicken die Winzer im Rheingau, wo der "Riessling" bereits 1435 zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde. An der Mosel gehen die Aufzeichnungen auf das Jahr 1464 zurück, als das Jacobs-Hospital in Trier 1200 "Ruesseling- Reben" bestellte. Schließlich wurden im rheinhessischen Worms nach historischen Dokumenten 1490 "Ruesslinge" gepflanzt. Die älteste Erwähnung des Rieslings im damals zum "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" gehörigen Elsass stammt aus dem Jahre 1477, urkundlich ist der Anbau allerdings erst ab dem Jahre 1628 belegt.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Anbau des Rieslings vor allem von den mächtigen Fürstbischöfen empfohlen, und dies nicht ohne Eigennutz, denn als Lehnsherrn kamen sie schließlich in den Genuss der in Naturalien und damit in Wein zu zahlenden Schuld ihrer Pächter. Den ältesten ausschließlich mit Riesling bestockten Weinberg ließ übrigens schon Anfang des 18. Jahrhunderts der Fürstabt von Fulda auf seinem Weingut anlegen, dem Schloss Johannisberg im Rheingau.

Dort wurde dann 1775 die Spätlese "erfunden".

Woher der Name des Rieslings stammt, ist heute noch unklar, möglicherweise entspringt er der Neigung der Sorte zum Verrieseln, stammt von der "reißenden" Säure seiner Weine oder als "Rusling" von seinem dunklen Holz. Alle Begriffe treffen mehr oder weniger auf die Eigenschaften des Rieslings zu. In der badischen Ortenau rund um Durbach wird er als Klingelberger bezeichnet. Ampelografisch korrekt ist die Bezeichnung Weißer Riesling. Mit der Bezeichnung Mainriesling oder Frankenriesling ist hingegen der Grüne Silvaner gemeint, und Welschriesling sowie Schwarzriesling sind Rebsorten, die mit dem Riesling nicht näher verwandt sind.

Der Welschriesling ist eine weit weniger aromatische, vor allem in Österreich weit verbreitete Rebsorte, die wahrscheinlich aus dem südosteuropäischen Raum stammt, beim Schwarzriesling handelt es sich um die Rotweinsorte Pinot Meunier, einen engen Verwandten des Blauen Spätburgunders, der in Deutschland selten angebaut wird und samtige Rotweine liefert, seine größte Leistung in der Welt des Weins jedoch als eine der drei zugelassenen Trauben für die Herstellung des edlen Champagners vollbringt.

Der Riesling wächst in unterschiedlichen Anteilen an der Gesamtrebfläche in allen deutschen Anbaugebieten und

nimmt insgesamt eine Rebfläche von fast 23.000 Hektar in Anspruch. Dies entspricht beinahe einem Viertel der gesamten bestockten Rebfläche in Deutschland. Damit ist der Riesling heute wieder die bedeutendste Rebsorte Deutschlands. Dies war aber nicht immer so, denn zeitweise bevorzugten die Winzer den Müller-Thurgau. Und auch andere neu gezüchtete Rebsorten, die unter Beibehaltung hoher Traubenqualität viel früher reifen sollten als der Riesling, drohten ihm den Rang abzulaufen.

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Doch letztlich haben sich die meisten der Neuzüchtungen nicht bewährt, und so konnte der Riesling in den vergangenen 20 Jahren um 5000 Hektar zulegen und sich vordem Müller-Thurgau wieder den ersten Platz in der Rebsortenstatistik zurückerobern. Die meisten Rieslingreben stehen mit 6200 Hektar an Mosel, Saar und Ruwer, hier wachsen die feinsten, duftigsten und filigransten Rieslinge, die in ihrer Jugend gelegentlich eine stahlige Säure besitzen.

Danach folgt die Pfalz mit 4900 Hektar, die Heimat besonders saftiger, kräftiger Rieslinge. In Rheinhessen stehen 2600 Hektar unter Riesling- Reben, vor allem an der berühmten Rheinfront um Nierstein und Nackenheim und um Bingen. Im Rheingau erreicht er mit 2500 Hektar Anbaufläche den höchsten Flächenanteil. 80 Prozent der dort kultivierten Rebfläche sind mit Riesling besetzt. Die Rheingauer Rieslinge zeichnen sich durch ihre Vollmundigkeit, Saftigkeit und oftmals stahlige Eleganz aus.

Württemberg ist von der Riesling-Fläche gleichauf mit dem Rheingau, doch gelangen nur wenige dieser Gewächse

über die Landesgrenzen hinaus. In Baden, wo 1300 Hektar mit Riesling bestockt sind, erbringt er seine besten Ergebnisse in den nördlichen Bereichen, vor allem in der nördlichen Ortenau um Durbach. An der Nahe finden sich 1200 Hektar Riesling, der hier vor allem im Bereich der mittleren Nahe zwischen Bad Kreuznach und Waldböckelheim Spitzenweine erbringt. Am Mittelrhein und an der Hessischen Bergstraße ist der Riesling die häufigste Rebsorte, die Qualität der Weine kann überragend sein.

In Franken dominieren Silvaner und Müller-Thurgau, doch in Spitzenlagen wie Würzburger Stein, Iphofer Julius-Echter-Berg oder Casteller Schlossberg u.a. können in guten Jahren bewundernswerte Rieslingweine entstehen. Eine geringe Bedeutung hat er hingegen im Anbaugebiet Ahr, in dem die roten Sorten klar dominieren, sowie in Sachsen und Saale-Unstrut, wo die Klimabedingungen für eine regelmäßige Reife zu unsicher sind.

Reifebedingungen

Der Riesling zeichnet sich dadurch aus, dass er unter kühlen Klimabedingungen sehr langsam reift, dabei aber eine hohe Konzentration von Aromastoffen und vor allem Fruchtsäuren ausbildet. Der mit der Reife verbundene Säureabbau in den Beeren findet unter diesen Umständen sehr langsam statt, und dennoch kommt die Traube in unseren Breiten regelmäßig zur Vollreife und liefert unter günstigen Bedingungen hohe Mostgewichte. Der Reifeprozess kann sich -je nach Witterung -bis in den November hinein fortsetzen. Ähnlich wie der Blaue Spätburgunder besitzt der Riesling keine große Toleranz gegenüber Abweichungen von den Idealbedingungen während der Reifezeit, und wie bei der großen roten Traube des Burgunds sind die Anforderungen des Rieslings an die Klimabedingungen zur Reifezeit nicht frei von Widersprüchen.

Es muss warm und sonnig genug sein, um die Trauben zuverlässig zur Vollreife zu bringen, es muss aber auf der

anderen Seite kühl genug sein, um diesen Prozess nicht zu schnell verlaufen zu lassen. Genau wie der Pinot Noir reift der Riesling unter heißen Klimabedingungen früh und schnell und liefert dabei alkoholreiche, nicht besonders feine und unausgewogen wirkende Weine. Deshalb eignet sich der Riesling auch nicht besonders gut für den Anbau im mediterranen Klima, in dem der große Konkurrent um die Weißweinkrone, der Chardonnay, auf Grund seiner größeren Anpassungsfähigkeit im Vorteil ist. Wegen dieser Eigenarten des Rieslings stellt er höchste Ansprüche an die Lage.

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Sie muss in allgemein recht kühlem Klima gewährleisten, dass die Trauben dennoch die für den Reifeprozess so notwendige Sonnenenergie und Wärme erhalten. Dazu müssen die Reben vor kühlen Einflüssen wie Nordwinden geschützt und ideal zur Sonne ausgerichtet werden. Die Ansprüche des Rieslings an den Boden sind für das vegetative Wachstum relativ gering, während der Reifeperiode der Beeren kann der Boden allerdings über Erfolg oder Misserfolg mitentscheiden, vor allem in schwierigen Jahren. Optimale Bedingungen bieten dann Wärme speichernde steinige Steillagen mit dunkler Bodenfarbe, die das Sonnenlicht beinahe zu 100 Prozent absorbieren und in Wärme umwandeln können.

Als besonders geeignet für den Riesling haben sich Schieferoder Urgesteinsböden erwiesen.

Je nach Standort, Bodenart, Mikroklima und Jahrgang bringt der Riesling sehr unterschiedlich ausgeprägte Weine in allen Qualitätsstufen und Geschmacksrichtungen hervor. Der typische Rieslingwein hat in der Jugend eine blassgelbe, gelegentlich ins Grünliche tendierende Farbe. Mit zunehmender Reife wird die Farbe intensiver, und ausgereifte Rieslinge präsentieren sich in sattem, üppigem Gold. Im Duft dominieren bei Jungweinen Apfeltöne, im Verlaufe der Flaschenreife tritt dann der oft beschriebene Pfirsichduft in den Vordergrund - bei Weinen aus der Neuen Welt wird allerdings meistens von Limonenduft gesprochen.

Die rassige, bei Weinen von Schieferböden gelegentlich auch als stahlig bezeichnete Säure bedarf in mittleren Jahren der Ausbalancierung durch dezent gehaltene Restsüße. Rieslingweine von Schieferböden zeigen zudem oft eine deutliche mineralische Note, die oft als Petrolnote bezeichnet wird. Einfache Gewächse aus guten Jahren sind auch schon jung ein Genuss und können es mit ihrer Spritzigkeit im Sommer nach der Lese mit jedem der beliebten "Sommerweine" aufnehmen, lohnen aber selbst bis in die niedrigsten Qualitätsstufen hinab ein gewisses Maß der Flaschenreife. Spitzenweine aus guten Jahrgängen hingegen sind unter idealen Bedingungen nahezu unbegrenzt haltbar.

Die Spitze des deutschen Weinolymps bilden die edelsüßen Riesling-Beerenauslesen, Trocken-beerenauslesen und

-Eisweine, die jedes Jahr in winzigen Mengen erzeugt werden und die zu den teuersten Weinen überhaupt gehören. Die natürliche Säure dieser Rebsorte bietet auch eine ideale Grundlage für ihre Weiterverarbeitung zu Schaumwein. Zahlreiche deutsche Sekte werden daher aus Riesling vergoren - darunter viele brillante Erzeugnisse nach der traditionellen Methode der Flaschengärung.

Riesling Weltweit

Das bedeutendste Anbaugebiet des Rieslings außerhalb Deutschlands ist zweifellos das Elsass. Auf über 3000 Hektar angebaut, liefert er auch hier die besten Weine des Anbaugebietes. Traditionell wird er hier völlig trocken und mit einem Restzuckergehalt von maximal vier Gramm pro Liter ausgebaut, in jüngerer Zeit sind Bestrebungen erkennbar, diese Grenze auch voll auszuschöpfen. Aus spät gelesenen und teilweise botrytisierten Trauben werden die Vendanges Tardives und die Selections de Grains Nobles erzeugt, die in etwa mit den deutschen Auslesen bzw. Beeren- und Trockenbeeren Trockenbeerenauslesen vergleichbar sind.

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In Osterreich steht der Riesling mit rund 1000 Hektar Anbaufläche hinter den in der

Alpenrepublik bevorzugten Rebsorten Grüner Veltliner, Müller-Thurgau und Welschriesling zurück. Eine bedeutende Rolle spielt er aber in den Anbaugebieten Wachau, Wien, Kremstal und Kamptal. Die Winzer in der Wachau schwören, dass ihr Anbaugebiet die eigentliche Heimat des Rieslings sei. Qualitativ gehören die Rieslinge aus Niederösterreich regelmäßig zu den überragenden Weinen der Alpenrepublik. In der Schweiz ist das Klima weithin zu kühl, um dem Riesling die benötigte lange Reifeperiode zu gewähren. Daher beschränkt sich der Anbau hier auf die wärmsten, besonders begünstigten Lagen im Valais. Verbreitet ist der Riesling hingegen in Norditalien, wo er als Riesling Renano bezeichnet wird. Sein Anbau konzentriert sich namentlich auf Südtirol, wo er frische, aromatische Weißweine hervorbringt.

Ob es sich beim Pedro Ximénez, der wichtigsten Rebsorte für die sherryähnlichen Weine aus dem südspanischen Montilla-Moriles, oder beim Sercial, einer der vier Edelsorten für den Madeira, wirklich um den Riesling handelt, wie oft behauptet wird, muss allerdings bezweifelt werden. Im englischsprachigen Raum ist der Riesling als Rhine Riesling, Johannisberg Riesling, Johannisberger, Hochheimer oder schlicht Hock bekannt weil die vor allem in der angelsächsischen Weltberühmtesten Weine traditionell von den Weinbergen am Rhein und den angrenzenden Anbaugebieten stammen.

Eine eher untergeordnete Rolle spielt er in den USA, wo er - insbesondere in Kalifornien - bisher keine besondere Fangemeinde besitzt. Lediglich edelsüße Auslesen finden ihre Liebhaber, ansonsten setzen die Amerikaner lieber auf die französischen Klassiker Chardonnay und Sauvignon Blanc.

Allerdings wird eine Trendwende hin zum fruchtigen, auch trockenen Riesling beobachtet.

Die Chance, dass sich für Riesling in den USA ein Trend abzeichnet, ist gegeben. In Chile und Argentinien gibt es Riesling- Bestände, allerdings in viel zu trockenen und heißen Gebieten, wo die Reben auf Bewässerung angewiesen sind und unter diesen Bedingungen untypische, unharmonische Weine liefern. In Südafrika gibt es Rieslingpflanzungen in viel versprechenden Klimazonen, allerdings sind die Weine bisher noch nicht zu uns durchgedrungen, sodass man abwarten muss, was die Zukunft bringt.

In Australien gilt das Clare Valley als das Rieslinggebiet schlechthin: Hier werden die meisten australischen Rieslingweine erzeugt - mit über 500 Hektar ist der Riesling zudem die vorherrschende Sorte des Clare Valleys. Das Wachstum und der Reifeprozess der Trauben wird durch das relativ kühle Klima in diesem Tal begünstigt. Insgesamt stehen in Australien etwa 3500 Hektar Rebland unter Riesling, der damit den vierten Platz des Sortenspiegels für Weißweine einnimmt. Neuseeland, mittlerweile als Lieferant hochwertiger Weißweine weltweit anerkannt, verfügt ebenfalls über einen bedeutenden Rieslingbestand. Während man bei den älteren Pflanzungen auf der Nordinsel, besonders im Gebiet um Auckland, immer damit rechnen muss, dass es sich bei den als Riesling etikettierten Weinen eigentlich um Gewächse aus uralten Beständen von Müller-Thurgau handelt liefern die jüngeren, nachweislich echten Rieslingbestände um Marlborough mittlerweile herausragende Rieslingweine, die durchaus mit den besten deutschen Klassikern konkurrieren können, allerdings in - bisher noch - verschwindend kleinen Mengen.