Die Sinne als Werkzeug

Die Sinne als Werkzeug

Die Sinne sind unser Fenster zur Welt. Sie lassen uns wahrnehmen und empfinden, grenzen die Welt für uns ein, entscheiden, was überhaupt erkennbar ist. Wie jedes Lebewesen von seiner Umwelt nur so viel erfaßt, wie ihm seine Sinne vermitteln, so lebt der Mensch vornehmlich in einer Sehwelt, der Hund in einer Riechwelt, die Fledermaus in einer Hörwelt, die Spinne in einer Tastwelt. Der Erkenntnis der Welt sind enge sinnliche Grenzen gesetzt- so auch der "Erkenntnis" des Weines im Glase. Zudem ist der Mensch ein kompliziertes Wesen, das sich ganz erheblich von momentanen Stimmungen und Gefühlen leiten laßt. Daher rührt beispielsweise das altbekannte Phänomen, daß ein Wein, der in einer lauen Urlaubs-Sommernacht in einer kleinen Taverne am Meer so köstlich geschmeckt hat - da muß man gleich eine Kiste mit nach Hause nehmen -, daheim vorm Fernseher oft erheblich an Reiz verliert. Und der Federweiße, frisch vom Faß zur Erntezeit in einer gemütlichen Straußwirtschaft probiert, schmeckt immer besser als in den eigenen vier Wänden.

Schließlich vermag auch der Blick aufs Preisschild oder auf den großartigen Namen -"Gräflich Schloß Sonnenhang Hofkellerei" - das (Geschmacks-) Bild, das wir uns von einem Wein machen, entscheidend zu beeinflussen. Wer einen Wein tatsächlich beurteilen möchte, muß sich auf seine eigenen Sinne verlassen. Aber die wenigsten Menschen sind sich über die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Sinneswahrnehmung im klaren. Gewiß, man kann auch ganz gut sehen, riechen und schmecken, ohne zu wissen, wie es funktioniert. Aber das Wissen um die Arbeitsweise der Sinnesorgane kann doch sehr hilfreich sein, um die eigenen Wahrnehmungen einzuordnen, sie systematisch zu schulen und sie sich schließlich optimal zunutze zu machen.